Einleitung
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, den Leser:innen eine Einordnung der Empfehlungen und eine Hilfe zur Umsetzung dieser wichtigen Handlungsanweisungen in den klinischen Alltag zu geben. Insgesamt wurden in der vorliegenden sehr umfassenden Guideline (GL) 160 Empfehlungen ausgesprochen. Um dem Umfang der hier vorgestellten Guideline gerecht werden zu können, werden die Empfehlungen in einer Serie von Publikationen vorgestellt und diskutiert.
Der hier vorliegende Artikel wird die Guideline und ihre spezielle Methodik vorstellen und die ersten drei inhaltlichen Kapitel der GL besprechen.
Mit einem vom European Board of Extracorporeal Perfusion (EBCP) für diese Guideline entwickelten Excel-Tool können die Empfehlungen außerdem kompakt und im Abgleich zu 2019 eingesehen werden. Weiterhin kann dieses Tool genutzt werden, um die Empfehlungen leichter in die Routine und Standards der jeweiligen Klinik zu übernehmen.
Das Tool und die Guideline sind unter folgendem Link auf der Website des EBCP zu finden.
https://www.ebcp.eu/?oid=454&pid=169284
Hintergrund
Die erste europäische Guideline zur Anwendung des kardiopulmonalen Bypasses (engl. cardiopulmonary bypass, CPB) erschien 2019. Für die Erstellung dieser strukturierten Handlungsempfehlungen arbeiteten zum ersten Mal die europäischen Fachgesellschaften der Herzchirurgie (EACTS), der Kardioanästhesie (EACTAIC) und das European Board of Cardiovascular Perfusion (EBCP) in dieser Form zusammen. Die Leitlinie entstand somit in interdisziplinärer und paritätischer Zusammenarbeit von Herzchirurg:innen, Anästhesist:innen und Perfusionist:innen aus ganz Europa. So wie die bereits 2019 veröffentlichte Guideline bietet nun auch die aktualisierte Version von 2024 evidenzbasierte, praxisnahe Empfehlungen für den Einsatz der Herz-Lungen-Maschine (HLM/CPB) bei erwachsenen Patient:innen. Die Empfehlungen basieren auf systematischer Literaturauswertung und Expertenkonsens.
Solche evidenzbasierten medizinischen Guidelines sind notwendig, um eine qualitativ hochwertige und sichere Patientenversorgung sicherzustellen, indem sie aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, klinische Erfahrung und Patientenwerte systematisch integrieren.
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/e/evidenzbasierte-medizin. html#:~:text=unter%20Beteiligung%20von%20 Patientenvertreterinnen%20und%20Patientenvertretern
Sie dienen dabei der Qualitätssicherung und helfen, die Behandlung nach dem aktuellen Stand der medizinischen Forschung auszurichten, um Wirksamkeit und Nutzen von Therapien zu gewährleisten. Sie sollen vor Fehlentscheidungen schützen, indem sie den Einsatz nutzloser oder schädlicher Verfahren vermeiden und somit Patient:innen vor unnötigen Risiken schützen. Durch klare Handlungsempfehlungen geben sie den Akteuren in der Medizin eine verlässliche Orientierung bei der Wahl diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen. Leitlinien stärken außerdem das Recht von Patient:innen auf evidenzbasierte Informationen und Behandlungen. Perfusionist:innen, Ärzt:innen und alle Beteiligten im Herzteam werden in ihren Entscheidungen durch evidenzbasierte Leitlinien gefördert, und diese ermöglichen es ihnen, verschiedene Therapieoptionen objektiv zu bewerten und somit „shared decision making“ besser praktizieren zu können.
https://www.ebm-netzwerk.de/de/medien/pdf/ebm-09_16_web_kvh_journal.pdf#:~:text= konzentrieren%20sich%20meist%20auf%20einen%20einzigen%20Behandlungsweg
Für die Einordnung der Bedeutung von Guidelines sind weitere Grundsätze zu beachten. Solche Empfehlungen bieten Orientierung, ersetzen jedoch nicht die klinische Entscheidung im Einzelfall. Eine Leitlinie ist nicht rechtlich bindend, sondern eine Hilfestellung für die medizinische Praxis. Weitere Forschung und Innovation bleiben erforderlich.
Insbesondere für das relativ junge Fach der Perfusiologie spielen allerdings solche strukturierten Handlungsempfehlungen eine eminent wichtige Rolle. Verorten sie doch das Tätigkeitsfeld der klinischen Perfusion in den Kontext der anderen medizinischen Fachbereiche und fördern somit die Darstellbarkeit des Berufsfeldes der klinischen Perfusion in der Krankenhauslandschaft.
Weiterhin können klinisch Tätige und Personen mit Personal- und Materialverantwortung die Empfehlungen nutzen, um notwendige Entscheidungen und Anschaffungen evidenzbasiert zu rechtfertigen, was wiederum die Prozessqualität und Patientenversorgung verbessern kann.
Waren die Anfangsjahre der Perfusiologie noch von Erfindergeist und der Bereitschaft zur Anwendung experimenteller Verfahren geprägt, so ist dieses Berufsfeld mittlerweile ein fester Bestandteil der medizinischen Routineverfahren und unterliegt somit auch zunehmend der Einhaltung evidenzbasierter Medizin und damit der leitliniengerechten Behandlung von Patient:innen.
Im folgenden Artikel werden insbesondere die Änderungen und Neuerungen der aktuellen Guideline vorgestellt und diskutiert. Es wird darauf eingegangen, wie solche Handlungsempfehlungen Eingang in den klinischen Alltag der Perfusiologie finden können und welche Tools dabei hilfreich sein können.
Methodik der Guideline
Die Methodik der „2024 EACTS/EACTAIC/EBCP-Guidelines on Cardiopulmonary Bypass in Adult Cardiac Surgery“ ist sehr detailliert und streng an die Prinzipien evidenzbasierter Medizin angelehnt. Die entscheidenden Schritte und Prinzipien zur Erstellung der Empfehlungen dieser Leitlinie wurden durchgeführt.
Der erste entscheidende Schritt war die Festlegung auf eine ausgewogene Zusammensetzung des Expertengremiums. Das multidisziplinäre Task-Force-Team bestand aus erfahrenen Herzchirurg:innen, Perfusionist:innen und Kardioanästhesist:innen aus verschiedenen europäischen Ländern. Hierbei wurde Wert auf Diversität in Bezug auf Fachrichtung, Geschlecht und geografische Verteilung gelegt. Alle Mitglieder deklarierten mögliche Interessenkonflikte, um Unabhängigkeit und Transparenz sicherzustellen.
Da sich das medizinisch wissenschaftliche Feld stetig weiterentwickelt, müssen regelmäßige Überarbeitungen von Guidelines durchgeführt werden. Der avisierte Zeitraum hierfür beträgt in der Regel fünf Jahre. Die aktuelle Leitlinie stellt eine Überarbeitung der Version von 2019 dar. Neue Publikationen und wissenschaftliche Erkenntnisse aus den Jahren bis 2023 wurden integriert und die Fachgesellschaften (EACTS, EACTAIC, EBCP) haben sich zur fortlaufenden Aktualisierung verpflichtet.
Alle Empfehlungen basieren auf einer systematischen Literaturrecherche (systematic literature review, SLR), bei der ein Spezialist für medizinische Informatik die Task-Force unterstützte. Es wurden gezielt Fragen im PICOT-Format (population, intervention, comparison, outcome, time) gestellt und anhand dieser Methode die jeweiligen Fragestellungen beantwortet. Die Recherche wurde in den Datenbanken MEDLINE, EMBASE und Cochrane Library für alle relevanten Studien (RCTs, Register, Fallserien etc.) im Zeitraum Mai bis September 2023 sowie für weitere aktuelle Literatur bis zur Fertigstellung durchgeführt.
Auf europäischer Ebene wird die Evidenz und Empfehlungsstärke nach einem dreistufigen System bewertet:
Die Evidenz wurde nach folgendem Schema bewertet:
Level A: Daten aus mehreren randomisierten, kontrollierten Studien (RCTs) oder Metaanalysen
Level B: Daten aus einer einzelnen RCT oder großen nicht-randomisierten Studien
Level C: Konsens von Expertenmeinung und/oder kleine, retrospektive Studien, Register
Die Empfehlungen bekamen zusätzlich einen Empfehlungsgrad (Class I, IIa, IIb, III):
I: ist empfohlen/angezeigt
IIa: sollte erwogen werden
IIb: kann erwogen werden
III: ist nicht empfohlen
In einzelnen Arbeitsgruppen zu den verschiedenen Themenbereichen wurden alle vorgenannten Schritte durchgeführt. Dies bedeutet, dass sich zunächst die Task-Force auf die wissenschaftlichen Fragestellungen geeinigt hat. Danach haben die Arbeitsgruppen (auch diese waren paritätisch besetzt) die Literatur aus der Recherche mittels PICOT beantwortet und haben Empfehlungsvorschläge erarbeitet, welche mit der gesamten Task-Force im Konsens abgestimmt wurden. Diese Konsensbildung für die Empfehlungen führte über eine Diskussion zur Abstimmung bei der mindestens 75 % Zustimmung innerhalb der Task-Force erreicht werden musste. Die dann durchgeführte elektronische Abstimmung über die Empfehlungen musste mindestens 80 % Rücklaufquote und 75 % Zustimmung erreichen.
Als letzter Schritt wurden die Prüfung und Freigabe der Leitlinie durchgeführt. Der Leitlinien-Entwurf wurde zuerst von einem externen Expertengremium (Reviewer) überprüft. Nach Einarbeitung dieses Feedbacks erfolgte die Verabschiedung durch die Gremien der EACTS, EACTAIC und EBCP. Bei allen Schritten wurden Neutralität und Transparenz beachtet und die Entwicklung wurde ausschließlich durch die Fachgesellschaften finanziert. Es gab keine Einflüsse seitens der Industrie.
Wo robuste Studien fehlten, wurden Empfehlungen im Expertenkonsens beschlossen und als solche ausgewiesen. Dies war insbesondere dort der Fall, wo Studien schwer oder nicht durchführbar sind. Dies betrifft z. B. die Empfehlungen zu Sicherheitseinrichtungen an der Herz-Lungen-Maschine wie die Verwendung von Niveau-Blasen- und Drucksensorik, aber auch bei den personellen Mindestbesetzungen oder Kompetenz- und Qualifikationsniveaus von Perfusionist:innen.
Im Fazit zur Beurteilung und Einordnung der Methodik lässt sich postulieren, dass die Leitlinie evidenzbasierte Forschung mit Expertenkonsens und transparenten Standards kombiniert. Sie ist so aufgebaut, dass Anwender:innen stets den Empfehlungsgrad sowie das Evidenzniveau nachvollziehen können. Die Empfehlungen werden regelmäßig aktualisiert und bei methodischen Schwächen oder Forschungsbedarf wird deutlich darauf hingewiesen.
Training, Ausbildung von Perfusionist:innen, strukturelle Anforderungen an eine Abteilung für Perfusiologie
Dieses Kapitel behandelt umfassend die Qualifikation, Ausbildung, kontinuierliche Weiterbildung sowie die Struktur und Organisation des Perfusionsdienstes bei erwachsenen Patient:innen unter Herz-Lungen-Maschine.
Perfusionist:innen werden in der GL als Mitglieder eines interdisziplinären Teams genannt und als solches arbeiten sie eng mit Chirurg:innen, Anästhesist:innen und dem OP-Personal zusammen. Das operative und auch das Servicemanagement der CPB liegt in ihrer direkten Verantwortung. Dafür benötigen Perfusionist:innen eine angemessene Qualifizierung mit entsprechenden Kenntnissen, Fähigkeiten und Fachkenntnissen, um die sichere und effektive klinische Praxis gewährleisten zu können.
Wie bereits auch in verschiedenen Veröffentlichungen der DGPTM (ehemals DGfK) gefordert, wird auch in dieser Guideline eine zertifizierte Ausbildung wie die des EBCPs mit dem Grad I C empfohlen.
https://doi.org/10.47624/dp.033.NZML4738 doi:10.1093/icvts/ivaa005
Ebenfalls mit dem höchsten Empfehlungsgrad – 2024 neu – wird der Beruf der Perfusionist:innen auf einem akademischen Level mit der Niveaustufe 6 (Bachelor, Europäischer Qualifikationsrahmen) verortet.
Zur aktuellen Einordnung: In einer Konsensuspublikation der drei führenden europäischen Fachgesellschaften (EBCP, EACTS, EACTAIC) aus dem Jahr 2025 wird darüber hinaus eine Weiterentwicklung des akademischen Abschlussniveaus auf Stufe 7 (Master-Abschluss) innerhalb der nächsten 5–10 Jahre empfohlen (Bauer et al. 2025 accepted manuscript).
Weiterhin werden Empfehlungen zur Struktur von Perfusionsabteilungen ausgegeben. Die Abteilungen für Perfusiologie müssen über ausreichend Personal und Ressourcen verfügen, um die Patientenversorgung gewährleisten zu können. Die empfohlene Personalstärke ist hierbei mit n + 1 (z. B. 4 Perfusionist:innen für 3 Operationssäle) angegeben. Diese Empfehlung bezieht sich im Rahmen der vorgestellten Leitlinie auf den operativen Arbeitsbereich der Perfusionist:innen. Andere Tätigkeitsfelder sind in der Empfehlung nicht berücksichtigt.
Es müssen für alle Vorgänge standardisierte Arbeitsanweisungen (SOPs) vorliegen, inklusive Verantwortlichkeiten, Sicherheitsvorkehrungen, Kompetenzen und Dokumentationen. Die Festlegung von Standards soll die Wirksamkeit der Versorgung durch die Überwachung der Patientenergebnisse regeln.
Im Sinne einer strukturierten Teamführung sind regelmäßige Meetings und eine offene Kommunikationskultur („Closed- Loop Communication“) durchzuführen. Briefings, Debriefings und Maßnahmen zur Förderung der Team- und Sicherheitskultur (Fehlerkultur!) sind angeraten.
Fehler, Zwischenfälle und Komplikationen müssen berichtet, systematisch analysiert und auf lokaler sowie nationaler Ebene zur Verbesserung der Versorgung geteilt werden.
Zusätzlich zur regelmäßigen Berichterstattung mittels zu führender Perfusionsprotokolle sollten Leistungsbewertungen und Bewertungen der aus unerwünschten Ereignissen gewonnenen Erkenntnisse eingeführt werden.
In dem Kapitel werden einheitliche und hohe europäische Standards für Perfusionist:innen gefordert sowie kontinuierliche Qualitätssicherung, ausgeprägte Fehlerkultur sowie die Vernetzung von Kliniken über Datenbanken. Ziel ist die optimale, sichere und evidenzbasierte Patientenversorgung bei CPB in der Erwachsenenherzchirurgie.
Herz-Lungen-Maschine (Hardware-seitige Komponenten)
Dieses Kapitel der Leitlinie fokussiert sich auf die technischen und sicherheitstechnischen Anforderungen an die Herz-Lugen-Maschine (HLM) und deren Zubehör, um maximale Patientensicherheit während der extrakorporalen Zirkulation zu gewährleisten.
Im Mittelpunkt steht der Hardware-seitige Grundaufbau der Herz-Lungen-Maschine. Einig sind sich die Fachgesellschaften über die wichtigsten Ausstattungsmerkmale, die primär der Überwachung und Sicherheit dienen (so auch in Guidelines anderer Länder: Australian and New Zealand College of Anaesthetists: Regulations and Guidelines for Perfusionists. Accessed on 15 August 2024.
Available from: https://anzcp.org/wp-content/uploads/2023/ 08/ANZCP-Standards-and-Guidelines-Final- Approved-15072022-1.pdf
American Society of Extracorporeal Circulation: Standards and Guidelines for Perfusion Practice. Accessed on 15 August 2024.
Available from: https:// www.amsect.org/Portals/0/AmSECT_ Perfusion_S%26G_2023%20Ratified%20021023_ Digital%20edition.pdf
Dazu gehören Drucküberwachung, Luftdetektoren, Low- Level-Alarm, die elektrische Sicherheit, Rücklaufstopps, „Runaway protection“ und ein möglicher Notfallbetrieb per Handkurbel und/oder automatischen elektronischen Backuppumpen.
Um höchste Sicherheit zu gewährleisten, müssen folgende Sicherheitsfeatures und Funktionen verpflichtend integriert sein (I C):
Druckmessungen an allen patientenzuführenden Linien sowie vor und nach dem Oxygenator
- Blasendetektoren für alle patientenzuführenden Schläuche
- Level/Niveausensoren am venösen Reservoir
- Akustische und visuelle Alarme mit Abschaltmechanismen (Verlinkung zwischen Sensorik und zuführenden Pumpen) bei Gefahr für die Patient:innen
- Back-up-Systeme und Not-Stromversorgung (Batterie)
- Das ständige Vorhalten eines Ersatzgeräts (Backup HLM)
Außerdem müssen regelmäßige Wartungs- und Prüfungsprotokolle (wie die Sicherheitstechnische Kontrolle) für alle Geräte nachweisbar durchgeführt werden (I C).
Der Betriebsort der HLM muss über eine gesicherte, redundante Versorgung mit Sauerstoff, Luft und CO 2 verfügen. Die Empfehlung zur Überwachung ein- und ausgehender Gase wurde von 2019 zu 2024 von Grad 2b (kann) auf Grad 2a (sollte) hochgestuft. Volatile Anästhetika im Sweep-Gas erfordern Absauganlagen für Abluft am Oxygenator, um dem Umfeld Schutz vor Gasexposition zu bieten.
Weiterhin stark empfohlen wird das CO 2 -Flushing des HLM-Systems vor dem Priming, um Lufteinschlüsse und Embolien zu minimieren (I B). Währenddessen wird die CO 2 -Insufflation in der chirurgischen Kavität zur Reduktion von Mikroembolien als optional angesehen, da keine klinisch bewiesene Outcome-Verbesserung nachgewiesen ist. Allerdings, wenn diese Methode angewendet wird, wird in einer neuen Empfehlung darauf verwiesen, den Gasaustausch am Gasblender anzupassen, um eine Hyperkapnie und Azidose zu vermeiden (Neu: I C).
Weiter ausgebaut wurden die Empfehlungen zu Heater-Cooler-Geräten (HCU), da aufgrund des nachgewiesenen Risikos einer Kontaminierung der Geräte mit dem Mycobacterium chimaera erweiterte Maßnahmen unbedingt nötig sind. Dazu gehören die strikte Reinigung gemäß den Herstellerempfehlungen oder einem anderen validierten Protokoll. Empfohlen werden regelmäßige mikrobiologische Tests und – wo möglich – die räumliche Trennung (I C) vom Operationssaal. Wo dies nicht möglich ist, sollen die Geräte so weit wie möglich (aber mindestens 2 Meter) vom Patienten entfernt stehen oder es sollen Abdeckungen oder/und Absaugungen für die Abluft der HCUs verwendet werden (NEU: IIb C).
Institutionelle Protokolle zur Infektionsvermeidung gemäß ECDC (European Centre for Disease Prevention and Control) müssen installiert werden (Neu: I B).
Hochgestuft wurden die Empfehlungen zur automatisierten elektronischen Datenerfassung, da moderne HLMs in der Regel über diese Möglichkeit verfügen (von IIa B auf II B). Eine künftige Integration dieser Daten in Register, Qualitätssicherung und gegebenenfalls KI-gestützte Entscheidungsunterstützung (Neu: IIb C) sollte ermöglicht werden. Prinzipiell wird eine systematische Datendokumentation empfohlen, um die Versorgung zu verbessern und neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen.
Ebenfalls neu in diesem Abschnitt ist die Empfehlung zur Nutzung von Zentrifugalpumpen (Anmerkung des Autors: Hier geht es um die Vorhaltung der Hardware, Pumpenkopf) für potenziell längere Perfusionszeiten, dadurch sollen sich die Hämokompatibilität und Sicherheit für die Patient:innen verbessern (Neu: IIa C).
Alle Maßnahmen, Hardwareupdates und technische Innovationen müssen mit institutionellen QM-Prozessen abgestimmt werden.
Die sichere und effektive Nutzung der Herz-Lungen-Maschine basiert auf aktueller Technik, redundanter Sicherung, lückenloser Überwachung und striktem Datenmanagement. Die Empfehlungen des Kapitels unterstützen eine kontinuierliche Modernisierung der Hardware und betonen die Notwendigkeit von Qualitätssicherung, regelmäßiger Wartung und einem hohen Standard der Patientensicherheit.
Es wird empfohlen, dass Protokolle für den Nachweis von Mycobacterium
chimaera-Infektionen, die möglicherweise mit HCU in Verbindung stehen, im Rahmen institutioneller Richtlinien angewendet werden, die den ECDC-Standards entsprechen.
Kardiopulmonaler Bypass – Einwegartikel
Dieses Kapitel der Leitlinie behandelt die Einwegmaterialien (Disposables) der Herz-Lungen-Maschine und deren Bedeutung für die Patientensicherheit und -versorgung. Es wird empfohlen, einen eigenen Bereich zur Lagerung von Disposables (Kanülen, Filter, Oxygenatoren, Schläuche usw.) einzurichten. Die Lagerung soll sauber, trocken, dunkel, temperatur- und feuchtigkeitskontrolliert erfolgen.
Die verschiedenen Kanülentypen (arteriell und venös) werden nach Indikation, Patientenanatomie und geplantem Eingriff in einer Teamentscheidung zwischen Herzchirurgen:innen und Perfusionist:innen ausgewählt (I C). Dabei werden Kanülen mit Druckverteilungsspitzen bevorzugt, um den Fluss zu optimieren und Komplikationen zu reduzieren. Bei schwierigen anatomischen Verhältnissen sind alternative Kanülierungsstellen zu erwägen. Eine Aufwertung der Empfehlung (IIb B zu IIa B) fand für die epiaortale Ultraschalluntersuchung statt. Ziel ist es, die aufsteigende Aorta auf atherosklerotische Plaques zu untersuchen und so das Risiko von cerebralen Embolien zu verringern.
Für die Anwendung von Vent- und anderen Saugvorrichtungen zur Absaugung von Blut aus dem Operationsfeld (z. B. Herzventrikeln, Pleura, Perikard) wird ein nur mäßiger Gebrauch empfohlen (IIa B), da zu viel Luftkontakt Zellschäden oder Hämolyse fördern kann.
Offene venöse Reservoire gelten als Standard und als sicher in der Handhabung, geschlossene Systeme hingegen können biokompatibler sein und so Entzündungsreaktionen minimieren, werden aber nur mit einem Grad IIb B empfohlen. Für beide Varianten gibt es keine klare Überlegenheit, die Auswahl ist individuell zu treffen. Wie 2019 gibt es auch 2024 eine IIa B-Empfehlung für die Verwendung von separaten Kardiotomiereservoiren. (Anmerkung des Autors: Kardiotomiereservoire sind ohnehin fester Bestandteil moderner venöser Reservoire und teils auch mit einer Funktion zur Separierung versehen).
Ein Standardprodukt in modernen CPB-Sets ist der Membranoxygenator, seine Auswahl richtet sich nach Flussanforderungen, Oberfläche und ggf. zusätzlicher Filterintegration. Biokompatible Oberflächenbeschichtungen können Transfusionsraten, Entzündungsreaktionen und Komplikationen wie die transiente Druckexkursion oder komplette Thrombosierung senken. Es ist zu beachten, dass Polymethylpenthen-Oxygenatoren beim Einsatz von volatiler Narkose am CPB ungeeignet sind, da sie keinen Narkosegastransfer über die Membran zulassen (III – nicht anwenden!).
Als arterielle Pumpe werden hauptsächlich Roller- und Zentrifugalpumpen eingesetzt. Zentrifugalpumpen werden für potenziell längere Perfusionen wegen geringerer Hämolyse als vorteilhaft eingeschätzt und für diesen Fall mit IIa C empfohlen. Die Auswahl richtet sich somit nach OP-Setting, Dauer und Patientenfaktoren.
Arterienlinienfilter werden eingesetzt, um Luft-, Fett- und Partikel-Embolien aus dem Blut zu filtern. Sie sind entweder eigenständig oder im Oxygenator integriert. Obwohl sie häufig in der Routine eingesetzt werden, besitzen sie sowohl in der GL aus 2019 als auch in der aktuellen GL nur eine IIb C-Empfehlung. Die routinemäßige Verwendung von Leukozytendepletionsfiltern bringt keinen klaren Zusatznutzen und wird nicht empfohlen (III).
Biokompatible Materialien und Oberflächenbeschichtungen (z. B. Heparin, Phosphorylcholin) verringern Thrombozytenaktivierung, Entzündungs- und Gerinnungsreaktionen, reduzieren Transfusions- und Blutungsraten und werden mit IIa B empfohlen, dasselbe gilt für ihren Einsatz, um die Lunge vor Entzündungsreaktionen zu schützen.
In der GL aus 2024 gibt es zwei neue Empfehlungen für die Schläuche des CPB-Systems. Diese bestehen in der Regel aus PVC, allerdings werden Silikonschläuche für die Pumpen empfohlen, da sie geringerer elektrostatischer Aufladung unterliegen (IIa C). Und nach Möglichkeit sollen DEHP-freie Schläuche eingesetzt werden, da diese im Gegensatz zu flexiblen Weichmachern wie TOTM eine geringere Toxizität aufweisen (IIa C). Die Auswahl aller Disposables muss individuell nach Patientenmerkmalen, Operationstyp und aktueller Evidenz erfolgen. Biokompatible und moderne Materialien verringern Komplikationen. Regelmäßige Wartung, nachvollziehbare Dokumentation und ein strukturierter Workflow sind zentrale Qualitätsfaktoren.
Einwegmaterialien sind ein kritischer Sicherheits- und Qualitätsaspekt bei der extrakorporalen Zirkulation. Die Guideline empfiehlt die konsequente Auswahl moderner, biokompatibler Materialien und gibt detaillierte Hinweise zur sicheren Anwendung und Lagerung dieser Komponenten.







